Mit den Krisen der Welt umgehen – Orientierung in unsicheren Zeiten
Krisen bringen etwas ins Wanken, das wir im Alltag oft für selbstverständlich halten: unsere Orientierung. Solange das Leben einigermaßen vorhersehbar erscheint, müssen wir darüber kaum nachdenken. Wir planen die kommenden Wochen, treffen Entscheidungen und gehen davon aus, dass vieles ungefähr so weitergehen wird wie bisher.
Eine Krise unterbricht diese Selbstverständlichkeit. Plötzlich wissen wir nicht mehr, was passieren wird, wie groß eine Gefahr tatsächlich ist oder worauf wir uns verlassen können.
Mit Krisen und Unsicherheit umzugehen bedeutet deshalb nicht nur, mit Angst und Stress zurechtzukommen. Es bedeutet auch, wieder Orientierung zu finden: Was weiß ich tatsächlich? Was kann ich beeinflussen? Und wie gehe ich mit dem um, was vorerst ungewiss bleibt?
Gerade wenn die Zukunft unsicher wird, wächst unser Bedürfnis nach Orientierung. Wir lesen Nachrichten, suchen nach Prognosen und versuchen zu verstehen, was eine Entwicklung für unsere eigene Zukunft bedeuten könnte. Das ist zunächst sinnvoll. Wer eine Gefahr einschätzen möchte, braucht Informationen.
Doch mehr Information bedeutet nicht zwangsläufig mehr Orientierung. Irgendwann kann der Punkt erreicht sein, an dem die nächste Meldung keine zusätzliche Klarheit mehr schafft, sondern lediglich ein weiteres mögliches Szenario eröffnet.
Vielleicht besteht eine der Schwierigkeiten im Umgang mit Unsicherheit deshalb darin, dass wir Gewissheit suchen, wo es vorläufig keine geben kann.
Angst in Krisenzeiten: Zwischen berechtigter Sorge und Belastung
Nehmen wir den Klimawandel. Es gibt gute Gründe, sich über seine Folgen Gedanken zu machen. Die Sorge hat einen realen Gegenstand. Sie einfach als irrational abzutun, würde der tatsächlichen Situation nicht gerecht.
Aber daraus folgt nicht, dass jede Intensität der Angst hilfreich sein muss.
Angst hat eine Funktion. Sie macht uns auf mögliche Gefahren aufmerksam und kann dazu führen, dass wir genauer hinsehen, vorsorgen oder handeln. Doch was geschieht, wenn aus Sorge eine dauerhafte Alarmbereitschaft wird? Wenn wir immer wieder Nachrichten abrufen, gedanklich mögliche Katastrophen durchspielen oder Schwierigkeiten haben, unsere Aufmerksamkeit noch auf andere Bereiche unseres Lebens zu richten?
Dann stellt sich nicht mehr nur die Frage, ob eine Sorge berechtigt ist. Eine andere Frage wird ebenso wichtig:
Hilft mir meine Sorge noch dabei, mich zu orientieren und sinnvoll zu handeln – oder erschwert sie inzwischen genau das?
Eine Gefahr ernst zu nehmen und angesichts dieser Gefahr in Panik zu geraten, sind nicht dasselbe. Gerade komplexe und langfristige Krisen verlangen, dass wir Informationen abwägen, Unsicherheit aushalten, Wahrscheinlichkeiten unterscheiden und langfristig denken.
Dabei entsteht ein bemerkenswertes Problem. Orientierung braucht eine gewisse Reduktion von Komplexität. Wir können nicht jede denkbare Möglichkeit gleichzeitig berücksichtigen. Doch auch eine zu starke Reduktion kann unsere Orientierung verzerren.
Wenn aus „Dieses Szenario ist möglich“ gedanklich „Dieses Szenario wird eintreten“ wird, ist die Unsicherheit zwar verschwunden – aber nicht unbedingt, weil wir mehr wissen.
Müssen wir Angst haben, um eine Gefahr ernst zu nehmen?
Gerade in sozialen Medien lässt sich manchmal beobachten, wie schwierig diese Unterscheidung geworden ist. Menschen können ein Problem grundsätzlich anerkennen und trotzdem einzelne Prognosen anders einschätzen oder emotional ruhiger darauf reagieren. Das wird mitunter bereits als Verharmlosung oder Leugnung verstanden.
Dabei sollten verschiedene Ebenen voneinander unterschieden werden. Die Anerkennung eines Problems ist nicht dasselbe wie die Einschätzung eines konkreten Risikos. Eine Prognose ist nicht dasselbe wie Gewissheit. Und die Stärke unserer emotionalen Reaktion sagt zunächst nichts darüber aus, wie wahr eine Aussage ist.
Umgekehrt macht Angst einen Menschen natürlich auch nicht irrational. Eine starke emotionale Reaktion kann angesichts einer Bedrohung nachvollziehbar sein.
Die interessantere Frage ist deshalb vielleicht:
Müssen wir selbst Angst empfinden, um eine Gefahr ernst zu nehmen?
Für Orientierung ist es hilfreich, Fakten, Wahrscheinlichkeiten, Bewertungen, Gefühle und Handlungsmöglichkeiten nicht miteinander zu verwechseln. Gerade in Krisen ist das allerdings schwierig, weil sie nicht nur unsere äußere Welt betreffen. Wir interpretieren gleichzeitig, was das Geschehen für unsere Zukunft bedeuten könnte.
Wenn wir unter einer Zukunft leiden, die noch gar nicht eingetreten ist
Eine Befürchtung besitzt eine merkwürdige Eigenschaft: Das Ereignis, vor dem wir Angst haben, muss noch gar nicht eingetreten sein, damit es unsere Gegenwart beeinflusst.
Wir lesen von einer möglichen Entwicklung und beginnen, uns vorzustellen, was sie für unser Leben bedeuten könnte. Vielleicht tritt sie tatsächlich ein. Vielleicht entwickelt sich die Situation anders. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wissen wir es nicht.
Trotzdem können wir bereits heute unter einer Zukunft leiden, die vielleicht niemals Gegenwart wird.
Das bedeutet nicht, Zukunftsrisiken zu ignorieren. Vorausschauendes Denken ist eine wichtige menschliche Fähigkeit. Wir können Gefahren erkennen und uns auf mögliche Entwicklungen vorbereiten. Entscheidend ist jedoch die Unterscheidung zwischen Möglichkeit und Gewissheit.
Hier kann eine einfache Frage helfen:
Was geschieht gerade tatsächlich – und was stelle ich mir als mögliche zukünftige Entwicklung vor?
Beides darf ernst genommen werden. Aber es ist nicht dasselbe.
Welche Rolle spielt unsere Bewertung?
Schon die Stoiker beschäftigte die Frage, welche Rolle unsere Urteile für unser Erleben spielen. Dabei wäre es zu einfach zu behaupten, Leid entstehe ausschließlich durch unsere Bewertung. Reale Gefahren und Verluste werden nicht dadurch bedeutungslos, dass wir anders über sie denken.
Trotzdem liegt zwischen einem Ereignis und unserer Reaktion darauf häufig eine Interpretation.
Eine Nachricht enthält zunächst eine Information. Wir ordnen sie ein, verbinden sie mit vorhandenem Wissen und ziehen Schlussfolgerungen darüber, was sie bedeuten könnte. Genau diese Fähigkeit brauchen wir zur Orientierung. Ein Leben völlig ohne Bewertung wäre weder möglich noch sinnvoll.
Achtsamkeit kann deshalb nicht bedeuten, grundsätzlich nicht mehr zu bewerten. Sie kann vielmehr einen kurzen Raum schaffen, in dem wir zunächst wahrnehmen, bevor aus einer Wahrnehmung ein scheinbar sicheres Urteil wird.
Was ist tatsächlich geschehen?
Was denke ich darüber?
Was fühle ich dabei?
Welche Schlussfolgerung ziehe ich daraus?
Und wie sicher kann ich mir mit dieser Schlussfolgerung sein?
Manchmal verändert allein diese Trennung den Blick auf eine Situation. Nicht weil die Krise dadurch verschwindet, sondern weil deutlicher wird, welcher Teil der gegenwärtigen Belastung zur Situation selbst gehört und welcher zu unseren Vorstellungen über ihre weitere Entwicklung.
Was kann ich beeinflussen – und was nicht?
Krisen konfrontieren uns außerdem mit den Grenzen unserer eigenen Handlungsmöglichkeiten.
Wir können manche Dinge kontrollieren. Andere können wir beeinflussen, ohne über ihr Ergebnis bestimmen zu können. Und auf wieder andere haben wir praktisch keinen Einfluss.
Diese Unterschiede verschwimmen leicht. Wir können uns beispielsweise politisch oder gesellschaftlich engagieren und damit Einfluss nehmen. Wir können aber nicht kontrollieren, welche Entscheidungen Millionen anderer Menschen treffen oder wie sich eine globale Entwicklung letztlich vollzieht.
Gerade der Versuch, das Unkontrollierbare gedanklich doch noch unter Kontrolle zu bekommen, kann enorme Aufmerksamkeit beanspruchen.
Deshalb lohnt es sich zu fragen:
Was kann ich tatsächlich verändern? Was kann ich lediglich beeinflussen? Und was liegt außerhalb meines Einflusses?
Das bedeutet nicht, dass uns alles außerhalb unseres Einflussbereichs gleichgültig sein muss. Anteilnahme und Kontrolle sind zwei unterschiedliche Dinge.
Vielleicht entsteht ein Teil von Orientierung gerade dadurch, diese Grenze anzuerkennen.
Nachrichtenpausen: Darf ich abschalten, obwohl die Krise weitergeht?
Wer sich Sorgen macht, kann das Gefühl entwickeln, ständig informiert bleiben zu müssen. Das Smartphone ermöglicht uns, Entwicklungen beinahe in Echtzeit zu verfolgen. Doch die Krise macht keine Pause, nur weil wir eine machen.
Darf man also abschalten?
Eine Nachrichtenpause bedeutet nicht zwangsläufig Verdrängung. Sie kann eine bewusste Entscheidung darüber sein, wann und wie intensiv wir uns mit einem Thema beschäftigen.
Verantwortung braucht Aufmerksamkeit. Aber sie braucht nicht permanente Aufmerksamkeit.
Es kann helfen, Nachrichten nur zu bestimmten Zeiten zu lesen, Push-Mitteilungen auszuschalten oder sich bewusst einen Abend nicht mit Krisenthemen zu beschäftigen. Auch ein Spaziergang, ein Gespräch über etwas völlig anderes oder ein schöner Nachmittag verlieren nicht ihre Berechtigung, weil irgendwo auf der Welt ein Problem weiterbesteht.
Dabei bleibt eine Grenze, die jeder für sich beobachten muss: Wann schützt eine Pause meine Fähigkeit, mit einer Situation umzugehen – und wann vermeide ich Informationen, weil ich sie nicht ertragen möchte?
Es geht weder um Dauerbeschallung noch um Wegsehen.
Es geht darum, die eigene Aufmerksamkeit bewusst zu führen.
Orientierung bedeutet nicht Gewissheit
Vielleicht liegt darin eine der schwierigsten Erfahrungen von Krisen: Wir möchten wissen, wie es weitergeht, obwohl es manchmal noch niemand wissen kann.
Wir können Informationen sammeln, Wahrscheinlichkeiten abschätzen und verschiedene Szenarien betrachten. Wir können uns fragen, was im schlimmsten Fall geschehen könnte, was im besten Fall möglich wäre und welche Entwicklung wir momentan für die wahrscheinlichste halten.
Doch auch die beste Einschätzung beseitigt die Unsicherheit nicht vollständig.
Orientierung muss deshalb vielleicht etwas anderes leisten als Gewissheit.
Sie kann bedeuten, zu wissen, wo wir im Moment stehen. Zu unterscheiden, was wir wissen und was wir vermuten. Zu erkennen, was wir beeinflussen können und was nicht. Wahrzunehmen, wann Angst uns auf etwas Wichtiges aufmerksam macht und wann sie beginnt, unseren Blick zu verengen.
Und schließlich auch anzunehmen, dass manche Fragen vorerst offenbleiben.
Wir müssen nicht wissen, wie alles ausgehen wird, um den nächsten sinnvollen Schritt gehen zu können.
Vielleicht zeigt sich Orientierung gerade dort am deutlichsten, wo Gewissheit nicht mehr möglich ist.
Bianka Seredinski-Holzner 2026